Vor 120 Jahren, pünktlich zur Wandersaison 1890, ist das Buch erschienen, das eine wahre Rennsteig-Begeisterung im Deutschen Reich auslöste:
August Trinius: Der Rennstieg. Eine Wanderung von der Werra bis zur Saale.
Man beachte das -stieg, eine von den Epigonen nicht übernommene südwestthüringische Form des Namens jenes Höhenpfades über den Thüringer Wald, der der bekannteste Wanderweg Deutschlands werden sollte. August Trinius war während des glücklichen Vierteljahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges der meistgelesene Wanderbuchautor im wilhelminischen Deutschland, der den Wandervögeln die landschaftlichen Schönheiten des Reiches bis hin zum Elsaß erschloß.
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In seinem Bestseller über den Rennsteig von 1890 erwähnte Trinius auch das fesche Försterstöchterlein vom Forsthaus Waidmannsheil bei Steinbach/Wald, Maria Sauer, die als „Mareile“ Rennsteiggeschichte schreiben sollte. Der ihr gewidmete Abschnitt aus meinem Rennsteigbuch ist schon seit Jahren auch online nachzulesen.
Nun wies mich ein aufmerksamer Leser darauf hin, daß sich da zwei kleine Fehler eingeschlichen hatten: Die Bahnlinie bei Steinbach wurde 1885 statt 1886 eingeweiht, wie ich schrieb, und offiziell habe es immer Waidmannsheil geheißen statt Weidmannsheil, wie ich – Trinius folgend – geschrieben hatte.
Ich möchte diese beiden Korrekturen zum Anlaß nehmen, meinen Text über das Mareile hier nochmals zu publizieren.
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Das „Mareile“ 1871 – 1960
Die frühen Renner hatten allesamt die fesche Försterstochter Maria Sauer vom Waldhaus Waidmannsheil ins Herz geschlossen, die seit frühester Kindheit Mareile gerufen wurde. Ihr zu Ehren nannten die Renner die weißen „R“s der Rennsteigmarkierung „Mareile“ und fünf Jahre später auch ihre Vereinszeitschrift.
Am Lichtmeßtag 1871 hatte Maria Sauer das Licht der Welt am Tegernsee erblickt und war mit drei Jahren aus dem Alpenland in den hohen Norden Bayerns verpflanzt worden, wo ihr Vater ein Revier auf dem Frankenwald erhielt. Das Forsthaus lag direkt am Rennsteig, der hier als fast schnurgerade Fuhrstraße 8 km über den Verbindungsrücken zwischen Schiefergebirge und Frankenwald zog, kurz vor der Grenze zu Sachsen-Meiningen.
Zwölf Jahre gingen ins Land, dann schneite am 1. Oktober 1885 die weite Welt in die Waldeinsamkeit, als die Bahnlinie Berlin-München nur 3 km entfernt vorbeigeführt wurde. Erholungssuchende Städter begannen die Gegend zu entdecken, und auch den Rennsteig, 1890 folgten die ersten Enthusiasten den Spuren Trinii.
Dieser hatte in seinem „epochalen“ Rennsteigbuch das – inzwischen 18jährige – Mareile erstmals verewigt, allerdings noch ohne ihren Namen zu nennen: „Drüben an dem anderen Tische saß das Töchterlein, eine untersetzte, fast üppige Blondine, mit blitzenden, lang bewimperten Augen, Grübchen in den Wangen und in den kleinen festen Händen. Zuweilen schlug sie ein paar Töne auf der vor ihr ruhenden Zither an“ und unterhielt sich „allerliebst zwitschernd“ mit der neben ihr sitzenden Freundin.
Ein Jahr später, im Sommer 1890, wanderte Alfred Roßner (1855-93) als einer der ersten von Trinius Inspirierten über den Rennsteig. In einem lustigen Wanderbüchlein erzählte er 1892 nicht nur, daß der Abend auf Waidmannsheil „der schönste unserer ganzen Wanderung“ gewesen war, sondern auch, wie er und sein Kamerad anderntags bei einem stundenlangen Irrweg zwischen Spechtsbrunn und Ernstthal das weiße R der Rennsteigmarkierung „Mareile“ tauften: Weil es sie immer so vertraut anlächelte, solange sie auf dem rechten Weg waren, sich aber neckisch versteckte, als sie an einer besonders tückischen Weggabelung nicht mehr recht weiter wußten.
Daß sich ein regelrechter Mareile-Kult in der Rennergemeinde entwickelte – Gedichte wurden veröffentlicht wie: „Ein duftig Blümerl blüht auf Weidmannsheil, labt Körper und Gemüt und heißt Mareil“ usw. – hatte mit der Person bald schon nichts mehr zu tun und verselbständigte sich zu einem Vereinsmythos in typischer Kaiser-Wilhelm-Zeit-Manier. Das Mareile heiratete nämlich schon 1891 – also ein Jahr vor Erscheinen von Roßner’s Buch – den Forstrechnungsrat Zick aus München, der dienstlich im Waldhaus eingekehrt und dem Charme der feschen Försterstochter sogleich erlegen war.
Die Verbindung zum Rennsteig und seinen Wanderern blieb aber insofern erhalten, als das Mareile jeden Sommer mit der Bahn aus München anreiste, um im Elternhaus die Wochen der Vakanz zu verleben. Gleich im ersten Jahr, 1892, gebar sie ihren ersten Sohn auf Weidmannsheil, drei weitere Kinder folgten, in deren Kreis die frühen Renner ihr Mareile im ersten Jahrzehnt der Rennsteigbewegung allsommerlich erlebten.
Maria Zick nahm die Ehre ihrer Verewigung auf dem Rennsteig übrigens mit dem ihm eigenen Humor hin, war sogar stilles Mitglied des Vereins, ohne sich jedoch im Geringsten von dem seltsamen Mareile-Kult vereinnahmen zu lassen. Ihre Enkel erfuhren beispielsweise erst sehr spät von der „Berühmtheit“ ihrer Oma, die sie bis heute als den warmherzigsten Menschen schildern, dem sie je begegneten.
1937 zog das Mareile als 66-jährige Witwe von München nach Sulzbach am Main bei Aschaffenburg, wo sie in der Familie ihrer Tochter lebte und Anfang 1960 drei Wochen vor ihrem 89. Geburtstag starb.
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Erinnerungen auf dem Rennsteig:
- Jedes weiße „R“ der Rennsteigmarkierung ist ein „Mareile“!
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