19 – Die Schieferbrüche bei Lehesten

Zum „Schönwappenweg“ am Rennsteig

Lehesten war um 1900 die Schiefer-Hauptstadt des europäischen Festlandes. Größte Schieferplatte der Welt, Schiefergrube mit „Technischem Denkmal Historischer Schieferbergbau„, eine Galerie der schönsten Wappengrenzsteine am Rennsteig – ein fürwahr „steiniger Weg“ ist diese Wanderung, doch kommt auch der Wald nicht zu kurz und der Rundumblick von erhöhter Warte.

2 Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Detaillierte Wegbeschreibung, Karte, Höhenprofil und Hintergrundinfos im Buch.

Fotos: Stefan Etzel.

Die Lehestener Schieferbrüche

»Blaues Gold«? Fällt einem bei Schiefer nicht eher das sprichwörtliche Grau ein? Das kann freilich in vielen Schattierungen zum Dunklen hin spielen – bis endlich ein Schimmer von Blau aufscheint: die edelste Sorte.

Nirgendwo sonst auf dem europäischen Kontinent ließ er sich besser abbauen als im Raum Lehesten. Entscheidend war, daß Ausrichtung des Lagerhorizonts sowie besonders dichte Verfaltung und Verschuppung des Gesteins »stimmten«, damit Schiefer überhaupt in Platten abgebaut werden konnte. Und das sollte er unbedingt, denn blauer Schiefer enthält besonders wenige Verunreinigungen und ist daher sehr witterungsbeständig, weswegen er sich hervorragend für Dach- und Wandverkleidungen eignet.

Blauschiefer in seiner reinsten, feinkörnigsten Form kennen alle, die das ABC noch auf Schiefertafeln geübt haben! Und diese Tafeln kamen meist aus dem hiesigen Raum, aus Ludwigstadt und Probstzella. Die Schulgründungswelle nach der Reformation hatte dieses Veredelungsgewerbe in Schwung gebracht, dessen Blütezeit dann mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Preußen (1717) begann. Ganz in der Nähe fand sich auch das Gegenstück zu dem harten Edelschiefer: Unreiner, abriebstarker Griffelschiefer (Tour 18).

1485 erstmals aktenkundig, wird doch schon mindestens seit dem 13. Jh. bei Lehesten Schiefer abgebaut. Wiener Hofburg, Würzburger Dom und viele andere Kirchen und Schlösser, Amts-, Bürger- und Bauernhäuser wurden mit dem dauerhaften und zugleich eleganten Lehestener Schiefer gedeckt, der gut und gerne seine 300 Jahre hält – einzig die durchrostenden Befestigungsnägel setzen seiner Lebenszeit Grenzen.

Den größten Aufschwung nahm der Schieferabbau, als um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Eindecken von Gebäuden mit Stroh oder Schindeln aus Brandschutzgründen verboten wurde. In der Blütezeit des Lehestener Bergbaus um 1890 brachen rund 2000 Arbeiter in den rundum verstreuten Gruben das Schiefergestein, das gleich vor Ort in Platten gespalten und in passende Größen geschnitten bzw. gesägt wurde. Die Arbeitsverfahren werden bei der Führung durchs »Technische Denkmal« demonstriert (s. Hinweise am Beginn der Wanderung).

Während des Zweiten Weltkrieges waren in den Lehestener Brüchen unterirdische Produktionsstätten der Jenaer Schott-Werke (optisches Kriegsgerät) und der Peenemünder Raketenbauer untergebracht, in denen Arbeitssklaven aus der nahen KZ-Außenstelle »Laura« eingesetzt wurden. Der neuartige Raketenantrieb der V2 wurde vor einer Wand des Örtelsbruchs getestet.

Dachschiefer ist heute teurer denn je, da seine Herstellung außergewöhnlich arbeitsintensiv ist: Keine Maschine kann bisher menschliches Geschick und Augenmaß ersetzen, um Schiefer in Platten zu spalten; einzig der dafür notwendige Kraftaufwand ist heute mechanisiert. Jede einzelne Dachschindel enthält noch so viel menschliche Arbeit – und steht in Konkurrenz zum Kunstschiefer, dem mit dem edlen Blauton … –, daß ihn sich selbst in der näheren Umgebung kaum noch jemand leisten kann. Mitte der 1970er Jahre wurde daher in Lehesten der Tage-, Ende der 90er auch der Untertagebau eingestellt.

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