Die Rennsteig-Ballade Victor von Scheffels (1863)

Scheffel 1867Da die Google-Suche ergab, daß Victor von Scheffels Rennsteig-Ballade von 1863 nur ein einziges Mal vollständig im weltweiten Netz steht und der Rennsteigverein es offenbar nicht für nötig erachtet, diesen für die Geschichte der Rennsteigbewegung so bedeutsamen Text zu präsentieren, sei diesem Mißstand hier abgeholfen.

Bedeutsam sind die Verse des populären „vaterländischen Dichters“, weil sie es waren, die den thüringer Höhenpfad als Symbol sowohl deutscher Zerrissenheit wie Einigungssehnsucht im Bewußtsein der zusammenwachsenden Nation verankerten.

Scheffel verstand es, seinen Text mit jenen Ingredienzien zu würzen, die für die Schaffung des Rennsteig-„Mythos“ entscheidend waren: Heimatliebe, Geschichtsträchtigkeit, Naturromantik und das verbreitete Bedürfnis nach Zivilisationsflucht. Es war ja die Zeit des Historismus, in welcher allenthalben sentimentale Rückblenden in die Vergangenheit Entlastung von den Bedrängnissen des rasanten gesellschaftlich-technologischen Wandels bieten sollten. Scheffel bediente dieses Bedürfnis seiner Lesergemeinde, indem er die Handlung in einer fiktiven Vergangenheit spielen läßt: Abgesandte verschiedener Landesherren reiten über den Rennsteig, um die Grenzverläufe zu prüfen und neu zu versteinen. Eingestreut sind Werbebotschaften, die zum Rennsteig locken sollen: Ein deutscher Bergpfad ist’s! Die Städte flieht er – hier klingt das Thema der Zivilisationsflucht an. Wer endlich zum Rennsteig hinaufgekeucht ist, findet dort eine von den Niederungen des Lebens meilenweit entfernte Welt: Das Eichhorn kann von Ast zu Ast sich schwingen, soweit er reicht, – der Rennsteig – und nicht zu Boden springen. – Es war das Jahrzehnt, als die ersten Wandervereine gegründet wurden. Wem der Heimat reine Lüfte teuer, wer grüne Farbe über alles hält, der findet hier jenen Harzduft, der die Seele nähret.

Ohne die Vorarbeit Scheffels, dürfte August Trinius‘ Rennsteigbuch von 1890 nicht jenen durchschlagenden Erfolg gehabt haben, der den thüringer Höhenpfad an die Spitze der beliebtesten Wanderwege Deutschlands katapultierte. Schauen wir uns also dieses Epos an. Und übrigens: Scheffel verwandte die südwestthüringische Form Rennstieg, was Trinius übernahm, ohne daß sich diese lokale Variante durchsetzen konnte.

***

Der Rennstieg

von Victor von Scheffel (1863)

(1)

Das war ein Ritt – lass dir von ihm berichten –

ein Ritt auf wilder, moosverstrüppter Bahn:

Es galt des Forstmanns friedlich heitern Pflichten,

und Heldentaten wurden nicht getan.

Doch wem der Heimat reine Lüfte teuer,

wer grüne Farbe über alles hält,

der fragt nicht viel nach Kampf mit Ungeheuer,

nach Lorbeerkronen welscher Fabelwelt.

Vergnügt, wenn ihm sein täglich Brot bescheret

und jener Harzduft, der die Seele nähret.

(2)

Wir trabten aus – getreue Waldespfleger,

die Henneberger, die des Abts von Fuld,

und andre mehr, bestand’ne Meisterjäger,

wie sie berief verschiedner Landherrn Huld.

Auf Bergesscheiteln läuft ein alt Geleise,

oft ganz bedeckt von Farnkrautüberschwang;

– schickt sich der Storch zum siebtenmal zur Reise,

so neut sich dort des Nachbarn Grenzbegang:

In Forst und Jagd gilt’s, Zweiungen zu einen

und neu die Mark zu zeichnen und zu steinen.

(3)

Kein steinern Pflaster, drauf die Römer zogen,

wie es mein Aug’ im Heil’gen Land erschaut,

mit Meilenzeigern, Wasserleitungsbogen,

mit Grabdenkmalen, Brücken reich umbaut. –

Ein deutscher Bergpfad ist’s! Die Städte flieht er

und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf,

durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er

und birgt im Dickicht seinen scheuen Lauf.

Das Eichhorn kann von Ast zu Ast sich schwingen,

soweit er reicht, und nicht zu Boden springen.

(4)

Der Rennstieg ist’s: Die alte Landesscheide,

die von der Werra bis zur Saale rennt

und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide

der Thüringer von dem der Franken trennt.

Du sprichst mit Fug, steigst du auf jenem Raine:

Hie rechts, hie links! Hie Deutschlands Süd, dort Nord …

Wenn hier der Schnee schmilzt, strömt sein Guss zum Maine,

was dort zu Tal träuft, rinnt zur Elbe fort.

Doch auch das Leben weiß den Pfad zu finden,

was Menschen trennt, das muss sie auch verbinden.

(5)

Verscholl’ner Völker dunkle Wanderungen,

Kampf um den Landhag … Überfall und Flucht …

Kriegswiese … Mordfleck … Richtstatt: manch verklungen

Geheimnis schwebt um Höhensaum und Schlucht.

Und wer zu hören weiß in frommem Lauschen,

wie herrlicher als Lied und Kunstgedicht

in stundenlangem, leisem Wipfelrauschen

des Waldes Seele mit sich selber spricht,

der muss, wenn sommerliche Lüfte wehen,

auf diesem Weg als Wandrer sich ergehen.

(6)

O Lust, die grüne Wildnis zu umkreisen!

Ich war als Obmann für den Zug gewählt

und trug den Handschuh, feierlich zu weisen,

wo sich ein Markstein findet, wo er fehlt.

Oft ritten Stunden wir und ritten Meilen

und trafen keine Hütte, keinen Herd …

Oft ließen wir die Rosse, und mit Beilen

ward dicht Gesträuch gerodet und geklärt.

Auch schreckte in der Quellschlucht Nebelfeuchten

verfaulter Stämme nächtlich Irrlichtleuchten.

(7)

Und als wir kamen ab der Hohen Leite,

dem Donnershaugk, der Zeller Loibe nah,

wie dehnte sich in unermessner Weite

blaufernem Glanz vor uns die Landschaft da!

Dann hob der Ruppberg sich, der gipfelbloße,

und des Gebrannten Steins verwitternde Haupt,

der Kleine Dolmar, kraftvoll wie der Große,

der Hermannsberg, von Buchengrün umlaubt.

Zu Füßen tief – im Nebel tauig dämmernd –

der Schönaugrund, hufschmiedend, eisenhämmernd.

(8)

Dort im Gewirr der nah’ und fernen Rücken

erkannt ich auch den hohen Stiller Stein

und sah gerührt mit heimatfreud’gen Blicken

in meiner Kindheit raues Land hinein.

Wer kennt das Strohdachdörflein in dem Tale,

durch das die Stille zur Schmalkalde fließt?

’s ist meine Hauptstadt! Leider eine kahle,

wo Hirse nur und dünner Hafer sprießt.

Bleib’ ihr als einz’ger Schatz denn unentweiht

das Glück zufriedner Abgeschiedenheit!

(9)

Und als wir kamen zum Dreiherrensteine,

briet schon am Spieß das Reh, das wir erlegt,

am Steintisch ward im traulichen Vereine

im Namen der drei Herrn des Mahls gepflegt.

Und da geschah’s, nach Brauch der Nachbarmärker,

dass jeder Gast auf eigner Hoheit saß,

und doch der Thüring und der Henneberger

mit dem von Fuld aus einer Schüssel aß.

„In strengen Rechten Nachbarschaft und Frieden!“

So ward’s durch dieses Sinnbild uns beschieden.

(10)

Viel Volks war unsrer Mahlzeit zugelaufen,

als wär’s ein heidnisch Götzen-Opferfest;

sie lagerten im Gras in bunten Haufen

und schmausten des gebrat’nen Rehbocks Rest.

Und mit dem Handschuh winkt’ ich sie zum Kreise:

“Als wär’ zur Stund ein Waldgericht gehegt,

sei jedem jetzt nach Weidmannszeugnisweise

des Tags Bedeut sein Lebtag eingeprägt!

Wir Förster schreiben ungern mit der Feder,

doch unsre Zeichenschrift versteht ein jeder!“

(11)

Die Knaben zupft ich weidlich an den Ohren,

den Mannen fuhr ich raufend durch den Bart

und sprach: „Nun merkt, als sei es frisch beschworen,

wie hier der Rennsteig frisch bestätigt ward!

Doch merket auch, dass, wie wir drei im Frieden

am gleichen Stein das gleiche Mahl verzehrt,

ihr drüben, wie wir hüben, ungeschieden

dem gleichen Volk als Brüder angehört:

Ein Deutschland nährt den Thüring, Hessen, Franken,

und echter Liebe setzt kein Markstein Schranken!“

*

UPDATE 14. November 2010: Urfassung

Danke an Ilmaran. Er machte mich darauf aufmerksam, daß auf seiner Homepage Scheffels Urfassung zu finden ist (aus dem Band „Frau Aventiure“, 14. Aufl. 1886), die sich in manchen Punkten von der hier wiedergegebenen, etwas geglätteten Fassung unterscheidet (deren Herkunft ich nicht mehr angeben kann). So benutzte Scheffel ursprünglich – wie später Rennsteigvater August Trinius – die südwestthüringische Form Rennstieg.

UPDATE 16. November 2010
Weitere Recherchen ergaben, daß inzwischen die ultimative Urfassung des Gedichtes aus dem Band „Frau Aventiure“ von 1863 (1. Auflage) im Netz steht (Google.Books sei Dank!), s.d. S. 66!

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5 Antworten

  1. Interessant ist es im Zusammenhang mit dem Rennsteiglied von Viktor von Scheffel,daß in dem Buch „Suhl – Stadt und Land im Thüringer Wald“ (Herausgeber: Rat des Kreises Suhl,1955) genau dieses Werk (etwas gekürzt) auf Seite 126 abgedruckt ist.
    Dazu folgender Kommentar aus dem Buch: „Wenigen seiner heutigen Besucher (gemeint ist der Rennsteig) ist wohl noch das ehemals so verbreitete Rennsteiglied bekannt, das Viktor von Scheffel einst schrieb….“
    Ich bin der Meinung, daß es dieses Lied verdient, einem breiten Publikum wieder zugänglich gemacht zu werden.
    MfG
    Frank.

  2. Lieber Etzel,
    im Buch „Zauberhafte Rennsteigfahrt“ von Julius Kober fand ich den Hinweise auf das Gedicht „Der Rennsteig“ von Joseph Victor von Scheffel.
    Es war wirklich nicht einfach den Text online zu finden.
    Danke, dass Du diese kostbaren Zeilen eingestellt hast.
    Gruß
    Richard

    • Danke. Und die zauberhafte Rennsteigfahrt ist natürlich eine wunderbare Lektüre, um in alten Rennsteigstimmungen zu schwelgen.

  3. Schön, dass man hier mal die neuere Version dieses Gedichtes nachlesen Kann, sie ist wirklich selten zu finden und unterscheidet sich beträchtlich von Scheffels Urfassung!
    Ich habe mir vor einiger Zeit mal die Mühe gemacht, jene Originalversion aus dem Buch „Frau Aventiure“ auf meiner HP einzustellen, eventuell interessiert es Dich.
    Gruß
    Ingold

  4. Es handelt sich doch um einen thüringisch-fränkischen (Grenz-)Pfad auf dem Kamm des Thüringisch-Fränkischen Mittelgebirges. Dies wird doch durch Scheffels Gedicht deutlich und eindeutig bestätigt.

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